AUTORENNOTIZ

 

         Die erste Version dieses Stücks begann ich im Sommer 1933 in Moskau zu schreiben. Ich saß auf der Terrasse des Café Metropol und fühlte mich hundeelend; aus gutem Grund. Drinnen im Café spielte die Band ein zu dieser Zeit  populäres Lied. Der Refrain, auf Deutsch, ging etwa so:

                  Wenn du mich liebst, musst du für mich stehlen,

                  Und betteln gehn, mit dem Hut in der Hand;

                  Wenn du mich liebst, werde ein Dieb für mich

                  Und erzähl mir Märchen von einem glücklichen Land.

Ich hatte schon drei Vodka intus, und die letzten Worte des Liedes übten, zusammen mit der sentimentalen Melodie und meinem erbärmlichen Gefählszustand, eine hypnotische Wirkung auf mich. Sie veranlassten mich zur Flucht in einen Tagtraum, der allmählich die Form eines Theaterstücks annahm, „ein Märchen von einem glücklichen Land“, wie der Refrain gesungen hatte.. Es war pure Blasphemie. Ich war Mitglied der Kommunistischen Partei; Ich war nach Russland gekommen, um ein Buch über den ersten Fünfjahresplan zu schreiben; Hitler war gerade an die Macht gekommen; Von allen Häresien war die Fahnenflucht die tödlichste. Ich begann das Stück da und dort niederzuschreiben, auf den Papierservietten des Café Metropol, mit dem Schuldgefühl eines Schulbuben, der schmutzige Bilder an die Tafel malt. Ich beendete es in drei Wochen, den letzten Akt auf der drei-Tages-Zugfahrt von Moskau nach Budapest. Ich hatte nie zuvor ein Stück geschrieben (ebenso wenig wie seither); zu meiner freudigen Überraschung akzeptierte es Direktor Bárdoss vom „Belvárosi Szinház“ – damals das führende Theater für moderne Dramatik in Budapest – auf der Stelle. Es wurde von Andreas Németh kunstgerecht ins Ungarische übersetzt, und den Drehorgel-Song des III. Aktes komponierte der beliebte Béla Reinitz.

         Es wurde niemals aufgeführt. Der Faschismus machte rasante Fortschritte in Südost-Europa, und Bárdoss kriegte kalte Füße. Immerhin zahlte er mir einen Vorschuss von 500 Pengoe, der es mir ermöglichte, meine Reise nach Paris fortzusetzen und die langwierige Karriere eines Exilanten anzutreten. Sie endete sechs Jahre später mit dem Zusammenbruch Frankreichs und, durch eine Gestapo-Razzia, dem Verlust meiner unveröffentlichten Manuskripte, einschließlich der letzten Abschrift des Stücks.

         Ich habe nicht mehr daran gedacht, bis ich mich, fast zwölf Jahre nach diesem Morgen im Café Metropol, wieder gottsjämmerlich fühlte, und wieder aus gutem Grund. Ich schrieb die vorliegende zweite Version des Stücks im Juli und August des Jahres 1944, während der letzten und für mich unerträglichsten Phase des Weltkriegs. Wieder war es eine Flucht vor dem Druck der Realität, und wieder spürte ich ein Schuldgefühl, als hätte ich die Tafel beschmutzt, die bereits für eine feierliche Geschichtslektion hergerichtet war. Daher diese apologetische Vorrede zu einem Stück ohne Anmaßung; und seine Bezeichnung als: eine Eskapade.

 

Arthur Koestler

Slaugham, Sussex

August 1944