Friedhelm Sikora

Finita la musica – Geschichten mit beschränkter Haftung

 

(aus: Titelgeschichte, „Finita la musica“)

 „Was sagten Sie?“

„Ich sagte“, röhrte er jetzt wie ein Ertrinkender gegen die Donauwellen an, „Sie sollen sich an dem etwas sperrigen Schlüsselkopf nicht stören. Unser Zulieferbetrieb hatte vorigen Monat einen Engpass bei den Rohlingen und musste alte Lagerbestände abbauen. Ich könnte Ihnen zehn Prozent Skonto auf die Rechnung geben.“

„Schon recht. Geben Sie her. Und falls er nachgeschliffen werden muss …?“

„Machen Sie sich da keine Hoffnungen“, sagte er zweideutig.

Dieser Schlüssel war tatsächlich bemerkenswert unhandlich. Zwar passte er in die Jackettaußentasche, beulte diese aber höchst unmodisch aus. Außerdem schien er, während man ihn trug, noch zu wachsen. Die Beule wurde sichtbar größer, und durch die zwangsläufig damit verbundene Gewichtszunahme zog sie die rechte Jackenhälfte zu Boden, was eine unnatürliche Körperhaltung und damit Kreuzschmerzen zur Folge hatte. Ich hätte mehr als zehn Prozent Preisnachlass verlangen sollen!

In der Feinkostabteilung waren die Donauwellen jetzt vor Rimskij-Korsakows ‚Hummelflug’, vorgetragen von vier Insektenforschern und einem Bass-Booster, verebbt. Nichts wie raus hier! Im Obst- und Gemüse-Fachmarkt hockte Mozart auf einer Pyramide neuseeländischer Nektarinen und blies das Adagio aus seinem Klarinettenkonzert auf einem vier Meter langen Didgeridoo. Im Tiefkühlregal turnte Tschaikowski und versuchte, während er auf einer Taschen-Celesta den ‚Tanz der Zuckerfee’ spielte, Nüsse zu knacken. Ich erkannte ihn gleich, obwohl er frisch rasiert war und ein Muscle-Shirt mit dem Aufdruck ‚Star Wars III’ trug.

 

 (aus: „Drei Wirklichkeiten zum Einnehmen“)

„Zur Sache!“

„Gewiß. ... Auch Sie, Frau Doktor, werden tagtäglich mit Patientengut konfrontiert, dessen Krankheitsbild sich in erschreckender Weise der klassischen Ätiologie entzieht ...“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Tja... nun... die ähhh... Zeiten, Frau Doktor, ...  die allgemeine Weltlage!“ „Zur Sache. Ihre Minute ist fast um.“

„In solchen Fällen gibt Ihnen unsere Weltneuheit  „Phantasmagon forte retard“ eine spektakuläre breitentherapeutische Alternative an die Hand. Das Präparat auf Belladonna-Phenobarbital-Basis beschränkt sich keineswegs auf das bloße neuroleptisch-ataraktische Spektrum, sondern ist aufgrund seiner patentierten Wirkstoffkombination in der Lage, dem Bewusstsein beliebig variable Stimmungs- und Informationsgehalte zu induzieren. In Verbindung etwa mit einem handelsüblichen Nachrichtenempfangsgerät ergibt sich so die Möglichkeit einer per Dosierungsanleitung exakt abstimmbaren Realitätswahrnehmung.“

„Moment. Sie meinen, ich schlucke diese Dinger, und schon wirft die Nato Gummibärchen und Glückwunschtelegramme über Bagdad ab?“

„Sie haben es erfasst. Das Finanzministerium kündigt die ... sagen wir ... ersatzlose Streichung aller einkommensabhängigen Steuern an.“

„... die Treuhand verteilt kostenlose Anteilsscheine für denkmalgeschützte Ost-Immobilien an registrierte Hartz IV-Empfänger?“

„Jürgen Klinsmann wird Kurienkardinal und Apostolischer Nuntius.“

„Die Welt-Aids-Hilfe verteilt Gedächtniskondome mit dem fotorealistischen Portrait von Lady Di?“ (plötzlich wieder geschäftlich): “Also schön. Lassen Sie mir Ihr Mustersortiment da.“

„Für resistente Fälle ist eine Dauerinfusionslösung zum stationären Gebrauch in Vorbereitung. Wenn ich Ihnen vielleicht noch diesen Test-Fragebogen ...“

„Es war mir ein Vergnügen.“

„Ganz meinerseits. Ganz meinerseits, Frau Doktor.“

 

(aus: „Das kleine Sparpaket“)

 

Lieber Herr Stöcklein,

haben Sie Dank für Tadel und Ansporn! Gewiss ist auch Ihnen bekannt, dass  der Erschließung neuer Ersparnis- und Zuerwerbsquellen in diesen schwierigen Zeiten enge Grenzen gesetzt sind. Dennoch bin ich wieder auf einige erstaunlich wenig beachtete Möglichkeiten gestoßen.

Der Versuch, meine Verköstigung wochenlang unter konsequenter Inanspruchnahme der Rückgabegarantie bekannter Lebensmittel-Discounter zu bestreiten, kann insgesamt als geglückt gelten. Eine Streichmettwurst der Marke „Berti, wenns um die Wurst geht“ und eine Flasche Scotch Whiskey „Old Shepherds Inn“ streckte ich auf insgesamt 15 Tage, indem ich jeweils Zipfel und Neige beider Produkte gegen Kaufpreiserstattung zurückgab und mich in benachbarten Filialen erneut mit kompletter Wurst und Flasche eindeckte.

Die Kosten eines unumgänglich gewordenen Hosenerwerbs – meine letzte wurde bei einem Besuch in Ihrer Stundungsabteilung gleich einbehalten – gestaltete ich nach einem neuartigen Netzwerkverfahren sozialverträglich: Ich teilte mir den Anschaffungspreis mit einem Angehörigen des Wach- und Schließdienstes, der die Hose von 20.00 – 4.00 Uhr trägt, und einem Bäcker, dem ihre Nutzung von 4.00 – 12.00 Uhr zusteht. Auf diese Weise kann ich während der verbleibenden Mittags- und Frühabend-Zeit problemlos das Haus verlassen, ohne mir den Luxus ausschließlich privat genutzter Beinkleider zu leisten. Ärgerlich sind nur die Mehlspuren an Knie und Gesäßteil, sowie die von der Stableuchte des Wachmannes ausgebeulten Taschen.

Die Überweisungsbelege der Einsparsummen aus beiden Geschäften füge ich bei.

Mit fernerhin opferbereiten Grüßen

S.M.

 

17. 12. 2005

Sehr geehrter Steuerzahler!

Nur  weiter so! Wir erwägen, Ihnen einen Schuldzinsnachlass von 0,25% einzuräumen, obschon die von Ihnen bisher geleisteten Abschlagszahlungen die anfallenden Säumniszuschläge kaum decken.

Trotzdem! Nur Mut! wünscht anerkennend Ihre

Finanzverwaltung

i.a. Stöcklein, O.i.

 

(aus: „Ein großer Glanz“)

Beim Abendessen beschloss Albin Wawerka, der Sache auf den Grund zu gehen. Er verließ seinen Platz und schritt entschlossen zum Tisch der Erbprinzessin von Aragon-Kesselfeld. Pia Hermenegildis war Vegetarierin und mümmelte an einer Morchelpastete auf paprizierter Seetang-Avocado-Concasse, wobei auf ihrer Schulter, wie immer, ihr handzahmes Angora-Chinchilla saß. Albin warf sich in Positur und begann folgende Ansprache: „Seit drei Tagen erdulde ich klaglos die Demütigung, dass mich die kranke, verstörte, von der Last ihres Reichtums hoffnungslos gebeugte Klientel dieses Hauses systematisch übersieht, ignoriert, nicht wahrnimmt. Doch auch ein einfacher Mensch aus dem Volk hat seinen Stolz, seine Gefühle. Ich fordere Sie, fürstliche Hoheit, mit aller Entschiedenheit dazu auf …“

Weiter kam er nicht. Hinter ihm tauchte der Oberkellner mit zwei kräftigen Hausburschen auf. Als sie ihn mit geübtem Hebelgriff fortzuzerren versuchten, verlor Albin, rückwärts auskeilend, das Gleichgewicht und torkelte gegen den Tisch der Prinzessin, worauf das Chinchilla seinerseits den Halt einbüßte und von seinem luftigen Schultersitz abrutschte. Zwar machte es noch Anstalten, sich in der prinzlichen Frisur festzukrallen, verfing sich aber in dem Scheiteldiadem aus 48 lupenreinen Sternrubinen, dem berühmten Familienschmuckstück derer von Kesselfeld, und stürzte unter panischem Pfeifen in die dampfende Gemüseterrine. Morcheln und Avocadobrei rannen schlierig ins hochadlige Dekolleté. Geistesgegenwärtig griff Wawerka nach dem zappelnden Nagetier und versuchte, es an der Hermelin-Boa der Prinzessin sauber zu wischen, die unterdem begann, rhythmisch tutende Entsetzensschreie auszustoßen, heiser und tieftönend, wie ein verstopftes Nebelhorn.

 

(aus: „Bussbachs großer Tag“)

Die Stimme des Ingenieurs, der der kleinen Festgesellschaft noch einmal die Funktionsweise und Sicherheitsvorschriften erläuterte, klang deutlich herüber in den Hygienebereich, wo Bussbach Kummerbund, Amtskette und Zylinder anlegte und gelangweilt zur Kenntnis nahm, dass eine Betriebstemperatur von 850° vorgeschrieben sei, und die Anlage eben angefahren werde für einen Probedurchlauf, der aus messtechnischen Gründen im Anschluss an den Festakt durchzuführen sei. Bussbach musste sich in dem bequem gepolsterten Sarg nur wenig zusammenkauern, dann setzte sich die Mechanik geräuschlos in Gang.

Das Arrangement der Einsegnungshalle war zu Bussbachs Zufriedenheit, und als sich sein Sarg der blütenübersäten Front des Rednerpultes näherte, begann der Posaunenchor – er ertappte sich, im stolzen Anblick der rhythmisch geblähten und wieder erschlaffenden Backentaschen, bei dem Gedanken: sein Posaunenchor – den Choral:

Tut mit auf die schöne Pforte

Führt in Gottes Haus mich ein ...

Prächtig, dachte Bussbach, was sind dagegen schon Waldweben und naturtrübe Obstfusel? Aber dann hörte er einen protokollwidrig verfrühten Sektkorken knallen  und glaubte hinter der Schaumfontäne kurz Lämmerhirts steinerne Miene zu erkennen.

 

(aus: „König Drosselbarts Traum“)

Erschöpft vom langen Schlaf und vom üppigen Frühstück faltete König Drosselbart seine Zeitung zusammen. Er würde wohl noch einmal über sein Reichspressegesetz nachdenken müssen! Gleich auf Seite 2 unter „Vermischtes aus aller Welt“ hatte er gelesen:

Transvestiten-Orgie in Stadtrandsiedlung! – 7-fache Mutter von eigenen Kindern misshandelt! – Vorbestrafter Wolf im Ziegenkostüm gefasst! – Mysteriöser Frosch im Wolfsfell gibt Rätsel auf! – Ermittlungen dauern zur Stunde an.“

Auf Drosselbarts Stirn erschienen zwei steile Falten.

„Wo ist mein Kulturattaché?“, brüllte er die Ordonnanz an, „Man rufe ihn auf der Stelle!“

Der Kulturattaché war der Mann, der den graziösesten Kratzfuß im ganzen Reich beherrschte. Deshalb hatte ihn der König, der persönlich ein eher kühles Verhältnis zur Kultur unterhielt, ernannt.

„Nun, Herr Attaché?“, fauchte Drosselbart ungnädig, “Solche Presseberichte! Das nenne ich eine saubere Amtsführung. Was soll das Ausland von uns denken? Wir sind doch kein Transvestitenstaat! Euren Bericht, wenn ich bitten darf!“

Der Kulturattaché,  der stocksteif auf dem linken Bein stehen blieb, während das rechte einen vollkommenen Zirkel um seine Körperachse beschrieb, holte Luft:

„Majestät halten zu Gnaden, unsere Nachforschungen haben bisher Folgendes ergeben ...“

Aber der König war, noch immer müde vom Frühstück, bereits eingeschlafen. Und ihm träumte:

Die alte Geiß musste dringender Geschäfte halber in die Stadt. Da sie aber ihren sieben Kindern nicht über den Weg traute, schärfte sie ihnen ein, nur ja die Tür fest verschlossen zu halten und vor allem keine Fremden einzulassen. Natürlich wusste die alte Geiß, dass elterliche Mahnung unter der heutigen Jugend ein schlecht nachgefragter Artikel war, und deshalb schlich sie sich zunächst hinters Haus, um ein wenig durchs Küchenfenster zu spähen. Dort sah sie freilich die lieben Kleinen nur das tun, was sie immer taten, sobald sie den Rücken kehrte: Sie schlitzten das Sofa auf, in dem sie ihre Kokain-Vorräte aufbewahrten, und kramten die verbotensten Videos aus Mutters Sammlung. Das beruhigte sie.

 

(aus: „Die Flucht“)

Zur Feier meiner dritten Linde arrangierten wir ein Nachbarschaftsfest in meinem Garten. Frau Schattschneider stürzte bei einem improvisierten Flamenco von meinem zugegebenermaßen wackligen Klapptisch, Herrn Biernaths Rottweiler stieß den Grill um und verzehrte zwölf halbrohe  Kammsteaks, drei Goldfische und eine Gelbbauchunke waren als Opfer der beiden Flaschen Original Danziger Goldwasser zu beklagen, die Professor Mußgnug in den Gartenteich goss. Die Veranstaltung konnte insgesamt als Erfolg bezeichnet werden, geradezu als Stimmungs-Highlight im sonst wenig aufregenden Gesellschaftsleben unserer Siedlung. Am Vormittag trug ich die letzten Festteilnehmer in ihre Wohnungen. Schon von weitem sah ich bei meiner Rückkehr, dass von dem Baum, dem unsere Feierlaune sowie unsere gemeinsame Wachsamkeit gegolten hatten, wiederum jede Spur fehlte. Dafür war diesmal, mit Ausnahme seines ehemaligen Standorts, der gesamte Garten verwüstet.

„Entlaufen demnach“, meinte Opholzer hoffnungsvoll, „ein klarer Fall von Ordnungswidrigkeit. Wir könnten eine gebührenpflichtige Warnung erlassen.“

„Gegen wen, Herr Hauptwachtmeister?“

„Sie haben recht. Es waren drei, soweit ich Sie verstanden habe. Und wenn man schon nicht weiß, mit wieviel y sich eine davon schreibt ...“